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Grabungen im DB Leipzig

07.06.2010 - Ein linienbandkeramischer Brunnen vom Flughafen Leipzig/Halle

Bild

Der eingeschalte Block fertig zum Transport auf der Ausgrabung.
(© Landesamt für Archäologie)

Ein Stück Flughafen Leipzig/Halle wurde in Dresden ausgegraben.

Während großflächigen archäologischen Grabungen im Vorfeld der Erweiterung des Flughafens Leipzig/Halle wurde neben einer frühneolithischen Siedlung der mittleren bis späteren Linienbandkeramik (ca. 5200 bis 5000 v. Chr.) samt Gräberfeld ein gleichaltriger Brunnen entdeckt. Bei der Ausgrabung in der Gemarkung Altscherbitz, Stadt Schkeuditz, stießen die Archäologen in einer Tiefe von gut drei Metern auf erste Holzreste des Brunnenkastens, eine Handbohrung zeigte, dass die Anlage noch fast vier Meter tiefer reichte. Aus Zeitgründen war eine dem Befund angemessene Grabung vor Ort nicht möglich, weshalb man sich entschloss, die untere Hälfte der Konstruktion komplett zu bergen. Der resultierende, über 70 Tonnen wiegende, Block wurde mit einem Schwertransport nach Dresden verfrachtet, wo der Brunnen in 28 Monate dauernder Feinstarbeit von Anfang 2008 bis Sommer 2010 fast unter Laborbedingungen untersucht worden ist.

Bild: Komplexe Fundlage aus Holzresten, Schnüren und Keramik. Am vorderen Gefäß sind Reste der Schnuraufhängung sowie Pechreste einer Klebung mit Faserstreifen geschützt. Foto: R. Elburg

Komplexe Fundlage aus Holzresten, Schnüren und Keramik. Am vorderen Gefäß sind Reste der Schnuraufhängung sowie Pechreste einer Klebung mit Faserstreifen geschützt. Foto: R. Elburg 
(© Landesamt für Archäologie)

Die Anlage besteht aus einer fast sieben Meter tiefen Baugrube mit einem Durchmesser von etwa 2,6 Metern. Hierin ist in Blockbauweise der hölzerne Brunnenkasten mit einer lichten Innenweite von 100 mal 110 cm aus bis zu 40 cm mächtigen Eichenbohlen hochgezogen. Das Holz hat sich unter dem Grundwasserspiegel in einer Höhe von etwa 3,5 Meter erhalten und konnte dendrochronologisch in die Zeit kurz vor 5100 v. Chr. datiert werden. Damit stellt der Brunnen von Altscherbitz eines der ältesten erhaltenen Holzbauwerke der Welt dar. Nach der Aufgabe des Brunnens wurde dieser Schacht in mehreren Perioden mit Sediment verfüllt, wobei eine bemerkenswerte Menge an Funden in der Verfüllung deponiert wurde.
Bild: Die Holzkonstruktion sowie eine Rindentasche mit Schnurfragmenten während der Freilegung, Oktober 2009. Foto: R. Elburg

Die Holzkonstruktion sowie eine Rindentasche mit Schnurfragmenten während der Freilegung, Oktober 2009. Foto: R. Elburg 
(© Landesamt für Archäologie)

Die Freilegung der oberen Teile des Blocks erwies sich anfänglich als recht unspektakulär: Die Holzbohlen waren stark verwittert und die natürlich eingeschwemmten Schichten enthielten nur vereinzelt kleine Fundstücke. Die Situation änderte sich schlagartig, als nach einem dreiviertel Meter, also über vier Meter unter der ehemaligen Geländeoberkante, das erste unversehrt in den Brunnen deponierte Gefäß freigelegt wurde. Hierbei handelt es sich um das bislang einzig bekannte vollständig erhaltene Gefäß im sog. Šárka-Stil mit einer organischen Verzierung aus in Pech eingeklebten Birkenrindeintarsien. Unterhalb dieses Niveaus fand sich ein fast zwei Meter mächtiges Schichtpaket aus sehr dunklem, humosem und mit organischen Resten und Funden durchsetztem Sediment. Aus dieser Verfüllung konnten gut drei Dutzend Keramikgefäße, etwa die Hälfte davon unversehrt, mehrere Knochenwerkzeuge und einige Steingeräte geborgen werden. Ein erheblicher Teil der Gefässe weist Reparaturen auf, die sich unter normalen Grabungsbedingungen nie erhalten hätten. Ebenso wichtig wie die kulturellen Funde sind die ökologischen Reste, die sich unter Luftabschluss hervorragend erhalten haben. Insektenreste, Schneckenhäuser, Knochen von Amphibien und Kleinsäugern, Hölzer, Samen und Früchte erlauben einmalige Einblicke in die damalige Umwelt.

Die unteren Schichten bestanden aus unter Wasser abgelagerten Verfüllungen die sich durch eine exzellente Konservierung von organischen Funden auszeichneten. Neben bearbeiteten Hölzern konnten sehr vielen Schnurfragmente sowie mehrere intakte, aus Baumrinde gefertigte, Taschen geborgen werden. Unterhalb dieses Bereichs der Verfüllung des Schachtes liegt das Sediment, das sich während der Benutzungsfase der Anlage abgesetzt hat. Der Unterschied zu den sehr dunklen, stark humosen Schichten ist bemerkenswert. Das Sediment ist sehr viel heller und sandiger und enthält nur noch vereinzelt Einschlüsse wie Holz, was darauf hindeutet, dass der Brunnen regelmäßig gereinigt wurde oder sogar oberirdisch abgedeckt war, damit kein Unrat ins Wasser gelangte.
Bild: Der Basisrahmen der Brunnenrekonstruktion aus verzapften Eichenbohlen. Digitale Konstruktion auf Basis von georeferenzierten Laserscans. Bild: Th. Reuter

Der Basisrahmen der Brunnenrekonstruktion aus verzapften Eichenbohlen. Digitale Konstruktion auf Basis von georeferenzierten Laserscans. Bild: Th. Reuter 
(© Landesamt für Archäologie)

Eine richtige Überraschung war der Basisrahmen der Konstruktion. Während der höhere Teil der Holzauskleidung einen eher improvisierten Eindruck machte, war das Fundament aus vier miteinander verzapften Eichenbohlen im höchsten handwerklichen Können gefertigt. Damit dieses Bauelement sich während des Herablassens in die sieben Meter tiefe Baugrube nicht lockerte, sind die Verzapfungen zusätzlich mit langen Holznägeln gesichert. Dieses Konstruktionsprinzip, die sogenannte verschlossene Zapfenverbindung, wurde bislang als eine Erfindung aus der Zeit rund Christi Geburt gehalten. Der jetzige Fund zeigt, dass die Zimmerleute im Frühneolithikum über viel weiter entwickelte Fertigkeiten verfügten als vermutet wurde.
Bild: Falschfarbenbild der digitalen Konstruktion des Holzbrunnens. Bild: Th. Reuter / R. Elburg

Falschfarbenbild der digitalen Konstruktion des Holzbrunnens. Bild: Th. Reuter / R. Elburg  
(© Landesamt für Archäologie)

In einem weltweit einmaligen Projekt wird die gesamte Anlage mittels 3D-Laserscans digital rekonstruiert. Anschließend an die Freilegung sind die Konstruktionshölzer mit Messpunkten versehen, die hochpräzise eingemessen wurden. Nach Reinigung durch die Restaurierungsabteilung des Landesamtes wurden die Balken mit dem hauseigenen 3D-Laserscanner erfasst. In einem komplexen Verfahren sind dann die so entstandenen Modelle der einzelnen Balken am Rechner wieder in Originalposition zusammengefügt wurden. So ist ein komplett digitales Abbild der gesamten Anlage im Maßstab 1:1 mit einer Genauigkeit im Millimeterbereich entstanden. Die wichtigsten Funde werden ebenfalls mittels Laserscan dokumentiert und können als fotorealistisches Modell dargestellt werden für Publikationen und multimediale Präsentationen.
Ein Teil der Funde ist vom 22. Oktober 2010 bis 27. Februar 2011 in einer Sonderausstellung unter dem Titel "Funde, die es nicht geben dürfte. Brunnen der Jungsteinzeit in Sachsen"  im Japanischen Palais in Dresden zu sehen.

Zum PDF download einer 3D-Ansicht klicken Sie bitte auf diesen Link. Nach dem Öffnen des PDF klicken Sie direkt auf die Abbildung.

Bild: Eine Auswahl der gut erhaltenen Gefäße aus der Brunnenverfüllung. Fotorealistische Darstellung von hochauflösenden Laserscans. Bild: Th. Reuter

Eine Auswahl der gut erhaltenen Gefäße aus der Brunnenverfüllung. Fotorealistische Darstellung von hochauflösenden Laserscans. Bild: Th. Reuter 
(© Landesamt für Archäologie)

Literaturhinweise:
  • S. Friederich: Luftige Zukunft. Der Ausbau des Flughafens Leipzig/Halle führte zu bemerkenswerten archäologischen Entdeckungen. ARCHÆO 2, 2005, 4-9.
  • H. Markgraf & G. Bretzke: Die Leipziger Brunnenbergung. Reisevorbereitungen für einen steinzeitlichen Brunnen. ARCHÆO 3, 2008, 12-15.
  • R. Elburg: Siebzig Tonnen Steinzeit. Die Ausgrabung des bandkeramischen Brunnens von Altscherbitz hat vielversprechend begonnen. ARCHÆO 5, 2008, 12-17.
  • R. Elburg: Eine Dechselklinge mit Schäftungsresten aus dem bandkeramischen Brunnen von Altscherbitz. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege, Band 50, 2008, 9-15.
  • R. Smolnik (Hrsg.): Brunnen. Begleitzeitung zur Ausstellung "Funde die es nicht geben dürfte. Brunnen der Jungsteinzeit in Sachsen" im stadtgeschichtlichen Museum Leipzig. Dresden 2010.
  • R. Elburg: Der bandkeramische Brunnen von Altscherbitz – Eine Kurzbiografie. Ausgrabungen in Sachsen 2, 2010, 231-234.

Diese Publikationen können Sie direkt beim Landesamt für Archäologie bestellen:

info@lfa.sachsen.de

+49 (0)351 8926 - 603 


Rengert Elburg

Grabungsleiter ASC-31 bandkeramischer Brunnen

Der bandkeramische Brunnen von Brodau

Bild: 3D Animation des bandkeramischen Brunnens von Brodau, Kr. Delitzsch. Bild: Stäuble / Preuss

3D Animation des bandkeramischen Brunnens von Brodau, Kr. Delitzsch. Bild: Stäuble / Preuss 
(© Landesamt für Archäologie)

Im Frühjahr und Sommer 2005 wurde bei Brodau, Kr. Delitzsch, ebenfalls ein bandkeramischer Brunnen ausgegraben. Sein Erhaltungszustand war weniger gut als derjenige vom Flughafen Leipzig/Halle. Eine dreidimensionale Ansicht verdeutlicht hier die Lage des Brodauer Befundes.

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