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DFG Projekte

Niederkaina bei Bautzen. Analyse des größten Bestattungsplatzes der Lausitzer- und Billendorfer Kultur.

Bild

Graphische Anordnung des früheisenzeitlichen (7./6. Jh. v.Chr.) Kammergrabes D/39: a) Erdverfärbung der vergangenen Holzkammer; b) Mahlsteine dienten der Stabilisierung der Kammerkonstruktion; c) Urne mit Deckschale; d) Aus dem Leichenbrand (zusammen mit dem Toten verbrannt): Gewandnadelreste, Ringe und Armringe mit Tonkern aus Bronze sowie tordierte eiserne Drahtfragmente; e) Große eiserne Ringkopfnadel mit Klapperblechen lag auf der Schulter der Urne; f) Die urnennahe Gruppe wird als Trinkgeschirr gedeutet; g) Die urnenferne Gruppe unterstreicht den häuslichen Charakter des Grabes; h) Die Keramikpackung lag bei der Verbrennung des Toten vermutlich auf dem Scheiterhaufen.
(© Landesamt für Archäologie)

Das Gräberfeld auf dem Schafberg von Niederkaina gehört mit 2.000 Bestattungen und über 26.500 Funden zu den größten und materialreichsten vorgeschichtlichen Bestattungsplätzen in Mitteleuropa. Er ist zudem der bedeutendste Friedhof der westlichen Lausitzer Kultur.

Seit dem Ende der Mittelbronzezeit (entwickelte Buckelkeramik – Bz C/D [um 1400 v. Chr.]) wurde das Gräberfeld während der gesamten Lausitzer Kultur der Bronzezeit und der früheisenzeitlichen Billendorfer Kultur (bis um 500 v. Chr.) kontinuierlich genutzt. Nach über 20-jähriger Ausgrabungstätigkeit (1948-1971) wurden seit 1997 Gräber und Funde stetig in der Publikationsreihe „Das prähistorische Gräberfeld von Niederkaina bei Bautzen“ vorgelegt.

Das DFG-Projekt wird der archäologischen Grundlagenforschung dienen. Es soll die archäologische Auswertung des Gräberfeldes von Niederkaina umfassen und abschließen.

Ziel ist, ausgehend vom Gräberfeld Niederkaina, für die westliche Lausitzer Kultur mit der früheisenzeitlichen Billendorfer Kultur ein eigenständiges Chronologiegerüst zu erstellen und die Bestattungs- und Trachtsitten einer umfassenden Untersuchung zu unterziehen. Beides sind bis heute Desiderate. Zudem soll durch die Analyse und detaillierte Darstellung der Struktur und Genese des Gräberfeldes ein wesentlicher Beitrag zum Verständnis Lausitzer Gräberfelder und zur Besiedlungsgeschichte der Lausitzer Kultur geleistet werden.

Das Erstellen einer vollständigen gräberfeldinternen Feinchronologie und die Ausarbeitung einer relativchronologisch abgesicherten Belegungsabfolge des Gräberfeldes sowie die Darstellung seiner Entwicklung und Veränderung im Laufe der Zeit wird die Basis für eine regionale und überregionale Vergleichbarkeit des Gräberfeldes von Niederkaina schaffen. Dafür soll das für die bronzezeitliche Belegung der Nekropole bereits erstellte Chronologiegerüst und die zugehörige horizontalstratigraphisch abgesicherte Belegungsabfolge um die Belegungsphasen der früheisenzeitlichen Billendorfer Kultur erweitert und so für den gesamten Zeitraum der Lausitzer Kultur vervollständigt werden.

 

Bild: Früheisenzeitliche Bronzenadeln und bemalte schlesische Importkeramik aus dem Urnengräberfeld Niederkaina bei Bautzen.

Früheisenzeitliche Bronzenadeln und bemalte schlesische Importkeramik aus dem Urnengräberfeld Niederkaina bei Bautzen. 
(© Landesamt für Archäologie)

Den zweiten Schwerpunkt wird die Ausarbeitung der Struktur und der Genese des Bestattungsplatzes bilden. Damit soll erstmals ein Gesamtbild der Entwicklung und Veränderung einer Nekropole gezeichnet werden, die sich über den 900 Jahre währenden Zeitraum der Lausitzer Kultur hinweg kontinuierlich weiterentwickelte und ausdehnte jedoch um 500 v. Chr. zusammen mit der gesamten Besiedlung der Oberlausitz, in deren Herzen das zu bearbeitende Gräberfeld liegt, einen jähen Abbruch fand. Die Oberlausitz ist eine Schlüssellandschaft, um sowohl chronologische als auch entwicklungs- und kulturgeschichtliche Fragen der Bronze- und älteren Eisenzeit in Nordostmitteleuropa zu verstehen. Die metallzeitliche Kulturausprägung dieser Region ist mit der Niederlausitz, dem sächsischen Elbtal und Niederschlesien verwoben und zeigt starke Bindungen nach Böhmen und Mittelschlesien. Eine chronologische Auswertung des langfristig belegten Gräberfeldes von Niederkaina wird nicht nur helfen, ein verlässliches Gerüst für die durch viele Unschärfen charakterisierte chronologische Gliederung der Metallzeiten in der Oberlausitz zu schaffen, sondern auch ein Maßstab für die Gliederung der angrenzenden Räume und ihrer Beziehungen zu den Kerngebieten Böhmen und Schlesien sein. Letzteres ist besonders wichtig, da die Forscher der Bronze- und frühen Eisenzeit in Sachsen, Brandenburg, Schlesien und Böhmen mit abweichenden und zum Teil inkompatiblen Chronologiegerüsten arbeiten. Dies stellt eine wesentliche Barriere in der kulturgeschichtlichen Einschätzung der Interaktion dieser Räume dar.
Da die „lausitzisch“ geprägten Landschaften zwischen dem Böhmischen Kessel und dem Eberswalder Urstromtal, den Nordischen Kreis und die klassischen Urnenfelder- und Hallstattbereiche Südmitteleuropas verbinden, wird die Aufarbeitung des Gräberfeldes Niederkaina einen wesentlichen Beitrag zu der noch sehr skizzenhaft verstandenen chronologischen und auch kulturellen Verbindung dieser prägenden Kulturräume leisten. Doch wird die Auswertung des Gräberfeldes von Niederkaina nicht nur helfen, die chronologische Frage zu lösen. In den jungbronze- und früheisenzeitlichen Gräbern Niederkainas sind zahlreiche importierte Grabbeigaben, vor allem Keramik aus Böhmen und Schlesien aber auch aus dem Oderraum, vorhanden. Dies dürfte mit der wichtigen Rolle des Spreeübergangs bei Bautzen zusammenhängen. Das Aufzeigen und Deuten der intensiven, langfristigen Kontakte der Bestattungsgemeinschaft in Niederkaina mit dem Süden und Südosten wird ein wesentlicher Beitrag zu Fragen der kulturellen Einbindung und Akkulturation dieser Region werden.

Dr. Thomas Westphalen

Leiter der Abteilung II - Archäologische Denkmalpflege, Stadtkernarchäologie: Bautzen, Dresden, Görlitz, Leipzig, Meißen, Pirna, Zittau

Gabriela Manschus M.A.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Jasmin Kaiser M.A.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

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Bisher erschienene Bände zum Projekt Niederkaina

© Landesamt für Archäologie