Die Keramik-Trippe aus Chemnitz


Fund des Monats Oktober 2006

Stiefeltrinken?

Ein ungewöhnliches Gefäßfragment entdeckten die Archäologen bei Ausgrabungen im Stadtkern von Zwickau:
In einer Abfallgrube, die nach Aussage des übrigen Fundmaterials wohl im 16. Jahrhundert verfüllt wurde, befand sich die verkleinerte, keramische Nachbildung eines Schnabelschuhs auf einem hölzernen Unterschuh, einer so genannten Trippe.

Charakteristisch für den im Original ledernen Schnabelschuh ist die sehr betonte Schuhspitze. Dieser eigentümliche Schuh war ab dem 12. Jahrhundert zunächst bei vornehmen Ständen beliebt. Im 15. Jahrhunderts galten Schnabelschuhe mit extrem langen Spitzen als schick. In dieser Zeit trug man unter dem Schuh gerne hölzerne Unterschuhe, die so genannten Trippen. In ihrer Grundform entsprachen die Trippen der Form der Schnabelschuhe. Die Holztrippen hatten die Funktion die eigentlichen ledernen Schuhe zu schützen - eine nachvollziehbare Idee, bedenkt man den Zustand der oft aufgeweichten und mit Abfällen übersäten städtischen Straßen!

Bei dem in Zwickau aufgefundenen Keramikfragment handelt es sich um den unteren Teil eines Stiefelgefäßes. Vergleichbare Objekte sind in Thüringen und Ungarn gefunden worden. Weder schriftliche noch bildliche Quellen geben über die Funktion dieser aufwendig gestalteten Gefäße Auskunft. Wahrscheinlich dienten sie als Prestigeobjekt zu Repräsentationszwecken und wurden beim gesellschaftlichen Gelage gemeinsam geleert.

Spekuliert werden darf darüber, wie dieses aufwendige Gefäß im 16. Jahrhundert in den ansonsten unauffälligen Zwickauer Hinterhof gelangte:
Ende 1524 wurde im Zuge der Reformation das Zwickauer Franziskanerkloster gestürmt. Im Kloster wäre ein solch repräsentatives Gefäß gut vorstellbar. Vielleicht hat einer der Eindringlinge das Gefäß - oder auch nur Teile davon - ,mitgehen' lassen und später ,entsorgt'.